Gedanken zum 3. Sonntag nach Ostern

3. Mai 2020 (Jubilate)

von Pfr. i.R. Wolfgang Drewello

   Das Evangelium nach Johannes führt uns in die Zeit gegen Ende des 1. Jahrhunderts, auf jeden Fall in die Jahre nach 70 n.Chr. In diesem Jahr endete der vierjährige jüdisch-römische Krieg – und zwar katastrophal: Das Land war „vom Krieg ausgelaugt, ein großer Teil der Be-völkerung getötet oder in die Sklaverei verkauft, viele Städte und Orte zerstört, Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht, sein Tempel – der einzige religiöse Mittelpunkt – niederge-brannt.“[1]

   Vom römischen Feldherrn Vespasian erhielt Jochanan ben Sakkaj die Erlaubnis, in Javne, einem kleinen Ort in der Küstenebene, ein jüdisches Lehrhaus zu eröffnen. „Dieses Lehrhaus wurde zur Keimzelle jüdischen Lebens nach der Katastrohe des Jahres 70.“1 Die hier arbei-tenden Gelehrten versuchten, auf der Grundlage der Tora die Voraussetzungen für erneuer-tes jüdisches Leben im Alltag der Welt zu schaffen. Ihnen lag daran, die verschiedenen jüdi-schen Gruppen zu sammeln und beieinander zu halten. Dazu gehörten auch diejenigen Juden, die sich zu Jesus als Messias bekannten.

   Die aber erwiesen sich als „nicht integrationsfähig“. Sie legten es vielmehr darauf an, dass sich alle anderen ihrem Glauben anschlössen – anderenfalls drohe ihnen das Gericht Gottes. Das führte zu einem eskalierenden Konflikt, in dessen Verlauf die Jesus-Gläubigen als „Häre-tiker“ eingestuft wurden: sämtliche Verbindungen zu ihnen sollten gekappt werden – mit schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen. Diese Boykott-Erfahrungen veran-lassten offensichtlich viele Mitglieder der Jesus-Gemeinde dazu, sich von ihr abzuwenden und zur Mehrheit zurückzukehren.

   In dieser Situation einer Zerreißprobe schreibt Johannes sein Evangelium. Ihm liegt daran, die Mitglieder der Gemeinde zum Bleiben zu veranlassen und sie dessen zu vergewissern, dass Jesus wirklich der Messias (griech: Christos) ist.- Das spiegelt sich auch in dem Textab-schnitt wider, der heute, am Sonntag „Jubilate“, im Gottesdienst dran wäre – Joh. 15, 1-8:

1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

   Wie in keinem anderen der vier Evangelien geht es im Evangelium nach Johannes um´s Bleiben, um´s „bei der Stange Bleiben“. In der oben skizzierten Situation heftiger (innerjü-discher!) Auseinandersetzung kommt es darauf an, zu bleiben: in der Gemeinde zu bleiben, in oder bei Christus zu bleiben, so wie er in oder bei den Seinen bleibt.- Wie sieht dieses „Bleiben“ aus? Und wie sieht es nicht aus?

   Es handelt sich nicht darum, sich gleichsam mit verschränkten Armen hinter Mauern zu verschanzen, sich möglichst nicht zu regen und stur abzuwarten, bis „die Luft wieder rein“ ist. Es bedeutet erst recht nicht, es sich mühelos gemütlich einzurichten. Und schließlich: Es mag zwar so klingen („ihr in mir – ich in euch“[2]) – aber dieses Bleiben hat überhaupt nichts „Mystisches“ an sich. Das „Bleiben“, von dem im Evangelium nach Johannes die Rede ist, vollzieht sich als gemeindliches Engagement, gemeinsames Lernen, gemeinschaftliche Krea-tivität und Produktivität.

   Dabei ist es wichtig, die Reihenfolge zu beachten. Jesus sagt hier nicht: „Bringt Früchte! Wenn ihr und indem ihr ´fruchtbar` seid und Gutes zustande bringt, bleibt ihr in mir.“[3]  Son-dern er sagt umgekehrt: „Bleibt in mir! Dann bringt ihr viel Frucht.“- Wie das geschieht, zeigt Vers 7:

   Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben …- Dass Jesus bei seiner Gemeinde bleibt, zeigt sich darin, dass seine Worte bei ihr lebendig bleiben; und die Gemeinde bleibt ihrerseits dadurch bei ihm, dass sie sich an seine Worte[4] erinnert, sie immer wieder aufs Neue hört und bedenkt, danach fragt, welchen Weg sie jetzt weisen – und sich so in ihrem Wollen und Tun leiten lässt.

   Kurzum, „Bleiben“ ist kein starres Beharren. Es vollzieht sich vielmehr so, dass – immer wieder – aktiv gelernt wird: durchs Lesen und Hören, „Abschmecken“ und Bedenken des bib-lischen Wortes. Der klassische Ort dafür ist der Gottesdienst in der Gemeinde. Das ist heute nicht anders als vor 1.900 Jahren.

   Genau da hapert´s freilich dieser Tage. Die Regeln für den Umgang mit der Corona-Pandemie erlauben es derzeit [noch] nicht, zu einem „richtigen“ Gottesdienst zusammen zu kommen.[5] (Dabei wäre es für viele Menschen dringlich und hilfreich, dies tun zu können – gerade jetzt!) Falls es demnächst wieder möglich werden sollte, dann – richtigerweise – nur unter Beachtung von allerlei Regeln und so, dass es kaum „normal“ genannt werden könnte.[6] Immerhin, in Mainz sagt man ja: „Besser als wie nix.“ Im Übrigen gilt wohl weiterhin, die Wohnung nach Möglichkeit nicht zu verlassen.

   Zuhause zu bleiben, ist zwar auch eine Art von „Bleiben“, allerdings eine ganz andere als die, von der der Evangelist Johannes spricht. Zugleich vernehme ich in dem, was „sein“ Jesus hier sagt, durchaus Hinweise, die sich auch fürs Zuhause-Bleiben bewähren können:

   Auch beim Zuhause-Bleiben geht´s nicht darum, sich zu verschanzen (obendrein womöglich mit mehr als genug Klopapier usw.) oder einzuigeln, also sich einzurollen und die Augen zu schließen und die Zeit zu verschlafen, bis wieder frei aus- und eingeatmet werden kann. Vielmehr ist es die Gelegenheit, etwas „Fruchtbares“ zu tun, nämlich das anzugehen, wozu wir sonst nicht kommen.       

   Zum Beispiel Ordnung schaffen; das, was schon ewig unbenutzt rumliegt oder rumsteht, sichten und lichten und gegebenenfalls entfernen und uns davon befreien.

Oder, tatsächlich, „soziale Kontakte pflegen“[7], indem wir Menschen anrufen oder ihnen schreiben, von denen wir schon lange nichts mehr gehört haben oder bei denen wir uns schon lange nicht mehr gemeldet haben.[8]

   Und ja, warum nicht? Wenn es schon nicht möglich ist, im Gottesdienst Worte der Bibel zu hören und ausgelegt zu bekommen – warum dann nicht selber darin lesen? Am besten, wir vereinbaren mit anderen Menschen, einen bestimmten Abschnitt zu lesen und uns dann und dann darüber auszutauschen – sei´s am Telefon, sei´s über Skype. Es geht auch per E-Mail, aber eine andere Stimme zu vernehmen und einander zuzuhören – das ist ungemein bereichernd: ein ganz anderes, elementares Erlebnis.

   Freilich gibt´s heikle Situationen: wenn z.B. Eltern, zumal Alleinerziehende, und Kinder auf engem Raum zusammenleben und Homeoffice und Schularbeiten hinkriegen  – und dabei noch „bei Stimmung“ bleiben müssen. Auch dann kann es hilfreich sein, sich darüber am Telefon mit anderen auszutauschen.

   Kurzum, es ist nicht ausgeschlossen, dass auch wir in dieser uns fremden Situation Neues tun und lernen: über uns selber und über „Gott und die Welt“ – und auf diese Weise „bleiben“.


[1] Klaus Wengst, Mirjams Sohn – Gottes Gesalbter (2016) S.530

[2] Vgl. die 5. Strophe des Liedes „Gott ist gegenwärtig“ (EG 165): „Ich in dir / du in mir …“.

[3] Das wäre, im Jargon Martin Luthers ausgedrückt, „Werkgerechtigkeit“.

[4] Jesu  „Worte“ sind im Kern nichts anderes als seine Auslegung der Bibel (Tora, Propheten, Schriften).

[5] Das hat es meines Wissens in der Kirchengeschichte in ähnlichen Situationen so noch nie gegeben. Im Gegenteil!

[6] Mit Mundschutz zu hören, zu reden und zu beten, mag ja gehen – aber zu singen?

[7] Es ist das Gegenteil  dessen, was „Social Distancing“ genannt wird! 

[8] Meine Erfahrung in diesen Wochen: Das gibt immer feine Gespräche, bei denen das Herz lacht.

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