2020, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht von Karin von Döhren

Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Taizé

An jedem letzten Donnerstag im Monat gibt es im Altenheim in Drais einen besonderen Gottesdienst für Demenzkranke. Vorbereitet wird er in der Regel von der „Helfergruppe“ und den Menschen, die den Gottesdienst halten. Ich sollte jetzt am kommenden Donnerstag den Gottesdienst halten und hatte mir zu Hause schon überlegt, was ich denn wohl sagen wollte, (so mache ich das immer) und welche Lieder denn gesungen werden sollen.
Mir war ganz plötzlich der Titel in den Sinn gekommen: auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, aus dem Lied „Meine Hoffnung und meine Freude“. Herr Jung, der katholische Pfarrer, fragte mich, wieso ich denn diesen Titel gewählt hätte. Warum, es war mir ganz selbstverständlich, aber so richtig erklären konnte ich es doch nicht. Und nun fällt der Gottesdienst aus, wie alle Gottesdienste ausfallen jetzt in der Zeit der Corona Virus Bedrohung. Also brauche ich gar keine Ansprache zu halten, es ist ja niemand da, dem ich sie zusprechen kann. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn ich mache mir Gedanken, mir geht der Titel immer im Kopf herum.
auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Es ist doch ganz etwas anderes, wenn ich den Titel nur so, praktisch theoretisch wähle und kluge und tröstliche Gedanken ausbreite, oder wenn es auf einmal ganz konkret wird, wenn es jedem von uns passieren kann, dass wir von dem Virus befallen werden, und wir alten Menschen daran sterben können. Und auf einmal merke ich, dass es gar nicht stimmt, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Es war vor ein paar Tagen, da wurde mir schlagartig klar, dass ich Angst hatte. Leicht konnte ich mich anstecken, in der Schlange an der Kasse bei Aldi oder beim Bäcker. Mit dem Bus wollte ich ganz bestimmt nicht fahren, da sitzt man viel zu eng zusammen, aber schnell noch in die Nimmerland Buchhandlung zu fahren, um Kartenspiele abzuholen, mit denen ich den Enkelkindern eine Freude machen wollte, das schien mir doch vertretbar zu sein. Natürlich hatte ich nicht bedacht, dass dort Hochbetrieb war, noch alles drunter und drüber ging, weil sie gerade neu eröffnet hatten, ich lange warten musste. Und draußen wartete mein Mann und machte sich Sorgen, weil ich solange in dem Geschäft war. Nicht nur mich gefährdete ich, sondern auch ihn, hatte ich daran gedacht?
Inzwischen sind einige Tage vergangen, (mir ging es nicht so gut) seit ich den ersten Teil geschrieben habe, Tage, in denen uns immer deutlicher bewusst wird, was da in unserer Welt geschieht. Ich habe Italien vor Auge und den Bericht einer Ärztin, die zugibt, dass sie sich entscheiden muss, wen sie mit Sauerstoff versorgen darf, und wer warten muss. Triage nennt man das jetzt. Der junge Mensch wird behandelt, der alte Mensch muss warten, und stirbt.
Und das ist es, wovor ich Angst habe. Ich fürcht mich, dass ich da ganz alleine liege, keiner aus der Familie darf neben mir sitzen und mir die Hand halten (welch tröstliche Geste ist das) und auch ein Lächeln der behandelnden Ärztin erreicht mich nicht, weil ihr Gesicht hinter der Maske verborgen ist. Ich lieg da ganz alleine, aber dann hoffe ich darauf, dass mir mein Glaube hilft, dass ich sagen kann: auf dich vertrau ich. Ich hoffe darauf, dass ich meine Ängste Gott anvertrauen kann, dass ER meine Hand hält, dass ER mir zusagt, du bist bei mir geborgen und ich nehme dich auf in meine unendliche Liebe. Ich habe schon einmal, vor einem Jahr die Erfahrung gemacht, dass Gott mir zur Seite gestanden hat und mich zurückgeholt in dieses Leben. Ich habe ihm dafür oft Danke gesagt, habe dieses Leben ganz anders, ganz bewusster gelebt, aber damals bin ich in den Infarkt hineingefallen, alles ging ganz plötzlich. Wie wird es sein, wenn ich ganz bewusst mitbekomme, dass ich langsam ersticke? Ich habe einen ganzen Tag am Sterbebett meines Vaters gesessen, dem sein Arzt gesagt hat: Sie werden an dieser Krankheit ganz langsam ersticken. ( So etwas darf ein Arzt doch nicht sagen!) Mein Vater hatte davor immer Angst, aber es war ein gnädiger Tod, ich habe seine Hand gehalten, und er ist ganz friedlich eingeschlafen. Ich hoffe darauf, dass Gott auch mir diese Gnade schenkt, dass ich auch in seiner Hand geborgen keine Angst haben muss. Ich hoffe, dass ich auch in den letzten Stunden sagen kann: auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus, Jesus, unserem Herrn.
Dieses Lied wollte ich u.a. im Gottesdienst singen lassen:

  1. Stern, auf den ich schaue,
    Fels, auf den ich steh,
    Führer, dem ich traue,
    Stab, an dem ich geh,
    Brot, von dem ich lebe,
    Quell, an dem ich ruh,
    Ziel, das ich erstrebe,
    alles, Herr, bist du.

Karin von Döhren

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