Nach der Sommerpause ist es endlich wieder so weit, dass wir mit unserer Leiterin, Frau Ingeborg Schmahl, einen weiteren Höhepunkt unserer rheinhessischen Heimat ansteuern, heute werden wir die Burgkirche in Ober-Ingelheim besichtigen.

Um halb zwei Uhr fahren wir mit der Straßenbahn bis zum Medien-Center auf dem Lerchen­berg und steigen dort in den Bus nach Ober-Ingelheim. Bei der vorsorglichen Übersicht über ihre „Schäflein“ übersieht unsere Leiterin leider eines der vielen Schlaglöcher, stürzt und schlägt mit dem Gesicht auf. Erst später wird das ganze Ausmaß der Verletzungen deutlich sichtbar.

Die Busfahrt dehnt sich zu einer kleinen Rheinhessen-Rundfahrt aus und so lernen unsere  Münchener Gäste auch einmal unsere Landschaft kennen. Gegen halb drei steigen wir am Ober-Ingelheimer Marktplatz aus. Leider treffen wir dort nicht unsere Führerin an und nach einem Weilchen gehen wir unbegleitet zum Burgberg hinauf, durch das Tor der gut erhaltenen großen Ringmauer und warten noch am  Kriegerdenkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege gegenüber der Burgkirche. Als sie nach einiger Zeit aufgeschlossen wird, gehen wir schon einmal hinein und sehen uns um, dann kommt doch unsere Führerin, Frau Miriam Maslowski,  sie hatte eine Autopanne.

Wir beginnen mit der Führung draußen am Fuß des mächtigen, zinnengekrönten Turms, dann fängt es zu regnen an und wir nehmen im Kirchenschiff Platz, direkt am Chor. Leider ist unserer Führerin keine kräftige Stimme verliehen.

Sie erzählt uns einiges über die Geschichte Ingelheims und von den Besiedlungsspuren aus der Steinzeit vor 50.000 Jahren, spricht über die Römer und die Franken mit Karl dem Großen, der die allbekannte Kaiserpfalz errichten ließ, die dann bis ins 11 Jhd. bestand und erwähnt das viel später entstandene Böhringer Werk, beide in Nieder-Ingelheim gelegen, den Hafen Frei-Wein­heim und Ober-Ingelheim mit seiner befestigten Ortschaft. Alle drei Orte wurden erst 1939 zur Stadt Ingelheim zusammengeschlossen, nach dem Krieg kamen weitere Gemeinden hinzu. Einen gewach­senen Mittelpunkt gab es nie, derzeit wird die neue „Mitte“ dazu hergerichtet.

Karl der Große stattete freie Männer hier im Ober-Ingelheimer Umfeld mit Ländereien aus, schließlich entstanden dann bis zu 100 Adelsfamilien. Bei Grabungsarbeiten im Kirchenbe­reich stießen die Archäologen auf die Fundamente einer Holzkirche und fanden einen Sarkophag, beides aus dem 7. Jhd.. 1180 löste eine steinerne romanische, flachgedeckte Hallen­kirche mit dem heute noch stehenden Turm den Vorgänger-Bau ab. Um 1400 musste dieser Hallenbau wiederum einer Kirche im neuen gotischen Stil weichen, allerdings nur schrittweise, denn die Gläubigen lebten damals in ständiger Angst vor dem Jüngsten Gericht und brauchten immer eine Kirche, in der sie beten, ihrer Vorfahren mit Messen gedenken oder auch heiraten konnten. Andererseits meine ich, dass der Klerus auf laufende Einnahmen angewiesen war, die nur mit einer wenn auch nur teilweise geöffneten Kirche zu erzeielen waren. So entstand erst einmal 1404 der erhöhte spätgotische Chor und diente als Kirche, dann kam das heutige mittlere vordere Kirchenschiff bis 1431 und einige Jahre später die Seitenschiffe hinzu, auch noch in der Spätgotik. Bei beiden Baukörpern verschmelzen die Gewölberippen in den Pfeilern, ein typisches spätgotisches Bauelement. Im Chor ist noch der mittelalterliche Sternenhimmel zwischen den Netzgewölberippen – nach einer Restauration – gut zu sehen sowie das Marienfenster, das in zwei Ebenen unten die Anbetung Jesus durch die Heiligen drei Könige und zuschauend den etwas ratlosen Josef mit der vor den Mund gehaltenen Hand und oben die als Ecclesia gekrönte Maria mit Christus zeigt, flankiert von Petrus mit Schlüssel und dem Kirchenheiligen St. Wigbert mit Bischofsstab.

Im dem Chor anschließenden Kirchenschiff sind in der einen oberen Wandfläche noch romanische Fenster zu erkennen, sie stammen von der romanischen Vorgängerkirche, die dann doch im spätgotischen Stil umgebaut wurde.

Die Kirchenräume waren begehrte Grabstätten. Anfangs erhielten nur die höheren kirchlichen Vertreter ihre Grabstelle im oder in der Nähe des Chores. Aber auch die mächtigen Adligen und Zehntherren wollten in diesem geweihten Gebäude ihre letzte Ruhestätte finden, da sie für die Instandsetzungsarbeiten des Kirchenschiffes aufkommen mussten, hatten das aber dann allerdings teuer zu erkaufen. Da die Ober-Ingelheimer Kirche nie ernsthaft zerstört wurde, blieben sehr viele der Grabsteine erhalten, wir sehen zwei davon im Seitenschiff, wo die Verstorbenen als Ritter einmal auf einem Löwen, das andere Mal auf einem Hund stehen. Übrigens war der Bauernstand dazu verpflichtet, den Turm zu unterhalten, aber von ihnen existieren keine Grabsteine, das konnten sie sich nicht mehr leisten, hatten aber auch nicht die politische Macht, das durchzusetzen.

Die vom 10. bis 15 Jhd. herrschende 3-Stände-Gesellschaft löste sich wegen der Ansprüche der erstarkenden Bürgerschaft auf, die nun auch auf dem Recht bestanden, in den Kirchen für ihre Verstorbenen zu beten, wozu plötzlich viele Altäre erforderlich wurden. Die Kirche erhielt deswegen im 15. Jhd. auch ihre zwei ungleich breiten Seitenschiffe.

Nachdem drei Joche oder auch drei Pfeilern gebaut waren, änderten sich wieder die Baupläne und es entstanden zwei weitere Joche mit einem viel höheren Kirchenschiff und stark verflochtenem Netzgewölbe bis zur westlichen Abschlussmauer. An der sprunghaft anste­igenden Über­gangs­­stelle prangt der Reichsadler, den Ober-Ingelheim als Reichsstadt führen durfte. Der Ergänzungsbau war dann 1462 beendet, d.h., die heute präsente spätgotische Kirche entstand innerhalb von nur 60 Jahren. Übrigens sind die Gewölbe im Bereich der unteren Rippen­anfänge und um die Schlusssteine  mit kleinen, zarten Rankenmustern verziert, wodurch sich nach der letzten Renovierung der Raumeindruck des 15. Jahrhunderts erahnen lässt.

Die vielen aufwändig und phantasievoll gestalteten Schlusssteine ziehen sich vom Chor bis zur Westwand und den Seitenschiffen entlang. Im hinteren rechten Seitenschiff zeigt einer Schlusssteine, wie Maria aus der goldenen Mondsichel herausschaut. Wir erinnern uns an die Führung in Mainz, als uns Herr Lehr die Madonnen an den Hauswänden zeigte, die oft auf einer Mondsichel standen. Diese Maria hier fällt durch ihre dicke Knollennase auf, eine damals nicht unübliche Erscheinung bei den Menschen.

Eine der Säulen unter ihr zeigt kleine farbige Narrenköpfe, die als Konsolen die Gewölberippen abstützen. Als ernsthaftere Gegenstücke können wir auch mit gutem Auge die bärtigen Köpfe von älteren Menschen an den Kreuzungspunkten der Gewölberippen oberhalb der Orgelem­pore nur erahnen.

Auf der hinteren Empore steht die Stumm-Orgel von 1755, die danach noch viele Erwiterungen und Änderungen erfuhr. Die Orgelpfeifen stehen in ihrem Rahmen frei und lassen das Licht des großen Fensters in der Westwand durchscheinen.

Der Übergang zur heute evangelischen Kirche ging fließend, noch nach der Reformation vereidigte das katholische Mainzer Domkapitel auch die evangelischen Pfarrer. Ab 1690 fand hier eine simultane Nutzung des Kirchengebäudes durch Katholiken und Protestanten statt und erst 1707 wurde sie zur rein evangelischen Kirche.

Eine kurze Bemerkung noch zum romanischen Turm. In seinem Erdgeschoss lagen alle wichtigen Dokumente sicher und überstanden auch turbulente Zeiten. So blieben die sog. Haderbücher erhalten, das sind die Prozessführungsakten der niederen Instanzen aus den Jahren 1387 bis 1534.

Wegen des regnerischen Wetters verschieben wir die Besichtigung der Außenanlagen auf einen späteren Termin, denn über die Außenansicht der Kirche mit ihren unterschiedlich hohen Dächern, die 1250 errichtete Umfassungsmauer des Ortes (offiziell: Ortsmauer) mit den Toren und dem seit der Frankenzeit genutzten Friedhof gibt es noch viel zu berichten. Nur sei kurz erwähnt, dass die Burgkirche nie eine Wehrkirche war, dazu eignete sich eine spätgotische Kirche mit ihren großen Fenstern nicht.

Wir verlassen kurz vor 16 Uhr die Kirche und gehen durch das Tor in der Ortsmauer die Straße „An der Burgkirche“ wieder hinunter, so wie wir schon herkamen, vorbei am hohen, frisch renovierten gotischen Treppengiebel des Geismarschen Hofes, am schönen schmiedeeiser­nen Gitter des Balkons am Fachwerkhaus des Kindergartens, an einigen alten, sehr gepflegten Fachwerkhäusern der ehemaligen Adelsfamilien, allerdings warten andere auf eine Wiederinstandsetzung, ein Haus trägt die Jahreszahl 1755 über der Tür, gleichzeitig ist aber auch 1724 auf dem steinernen Türbalken eingemeißelt, dann sind wir wieder am Markt. Dort biegen wir in die ellenlange Rinderbachstraße ein, die zum Hornweg und dem Restaurant „Burg Horneck“ führt, wo wir an einer langen Tafel den Ausflug bei einem Ingelheimer Rotwein ausklingen lassen.

Um 18:30 Uhr stehen wir wieder am Markt und haben noch genügend Zeit, den dort stehenden dreiteiligen Brunnen zu betrachten. Die drei abgebildeten Männergesichter sehen identisch aus und sind offensichtlich eine Hommage an eineiige Zwillinge. Die Buslinie 75 bringt uns wieder zurück zur Bushaltestelle „ZDF“, den Rest des Weges nach Marienborn übernimmt die Straßenbahn.

Ein interessanter, wenn auch verkürzter Ausflug, bleibt uns dank des Engagements unserer geschätzten Ibo Schmahl in Erinnerung.

 

Gedächtnisprotokoll: Jörg Haberfelner